Facts 2017-03-16T06:08:41+00:00
Die 14-jährige Tabea fragt sich, warum ihr Bruder immer wieder die Mutter in Schutz nimmt. Diese ist so spiessig, Hausfrau, ständig am jammern und kritisieren. Sie ist so unfähig als Hausfrau, dass sie sich immer wieder verletzt. Dafür ist der Vater um so cooler. Genau so einen Mann wünscht sich Tabea auch einmal, schliesslich bringt ihr Vater der Mutter regelmässig Blumen, meist dann, wenn die Mutter sich gerade mal wieder verletzt hat.

Kinder sind immer mitbetroffen

Das Miterleben von häusliche Gewalt kann unterschiedliche Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche haben. Sie entwickeln Strategien mit unterschiedlich erkennbaren Ausprägungen, von heftiger Rebellion bis zu stiller Anpassung. Bei häuslicher Gewalt handelt es sich um ein Dunkelfeldphänomen.

Wie viele Kinder und Jugendliche von häuslicher Gewalt mitbetroffen sind, ist daher schwer zu sagen. 10 bis 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind im Verlauf ihrer Kindheit, laut Prävalenzstudien Zeugen von häuslicher Gewalt (Seith, 2006)

1693 Mal  rückten 2015 die Aargauer Kantonspolizei und die Regionalpolizei  wegen häuslicher Gewalt aus. Bei der Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt, AHG, wurden 1601 Fälle gemeldet, dies sind 95% aller Interventionen. Bei gut der Hälfte der gemeldeten Fälle waren Kinder anwesend – 1330 Kinder waren insgesamt mitbetroffen.

Häufig gestellte Fragen

Erleben Kinder auch selbst Gewalt von Seiten der Eltern? 2015-07-22T10:29:28+00:00

Es besteht für Kinder, die häusliche Gewalt als Zeugen erleben, die Wahrscheinlichkeit, dass sie selber misshandelt werden. Dazu gibt es unterschiedliche Zahlen (Vlg.Brunner, 2008). Kinder und Jugendliche werden auch verletzt, wenn sie sich schützend vor den von gewaltbetroffenen Elternteil stellen.

Streit gibt es in jeder Familie – wo beginnt die häusliche Gewalt? 2015-06-05T14:03:21+00:00

Überall wo Menschen zusammenleben gehören Streit und Konflikte dazu. Die Streitkultur ist bei jedem Paar und jeder Familie anders. Die Grenze zu häuslicher Gewalt ist da überschritten, wo ein Paarteil ein systematisches Gewalt- und Kontrollverhalten ausübt und die andere Person in eine unterlegene Position versetzt.

Häusliche Gewalt findet oft über längere Zeit statt und die Intensität nimmt zu. Häusliche Gewalt kann zu schweren gesundheitlichen Problemen führen.

Wer sind die Täter und die Opfer? 2015-06-05T14:01:09+00:00

80-90% der Täter sind Ehemänner, Partner oder Ex-Männer und Frauen sind meist Opfer. Diese sind oft sehr ambivalent: sie möchten zwar, dass die Gewalt aufhört, aber sie sind nicht im Stand etwas dagegen zu unternehmen. Für Opfer besteht die grösste Gefährdung bei Trennungsabsichten oder bereits vollzogener Trennung. Männliche Opfer stehen unter grossem Druck, da sie nicht den gängigen gesellschaftlichen Rollenerwartungen entsprechen.

Was ist genau unter häuslicher Gewalt zu verstehen? 2015-06-05T13:58:34+00:00

Unter häuslicher Gewalt wird die Anwendung oder Androhung von Gewalt unter Paaren in bestehender oder aufgelöster ehelicher oder partnerschaftlicher Beziehung, zwischen Eltern, auch Stief-, Pflegeeltern und Kind oder zwischen weiteren Verwandten verstanden.

  • Physische Gewalt. Stossen, schlagen, treten, würgen, fesseln, verbrennen, verbrühen, mit Waffen verletzen, einsperren, Essensentzug.
  • Psychische Gewalt. Einschüchtern, beleidigen, drohen, demütigen und erniedrigen, für die Gewalt verantwortlich machen.
  • Soziale Gewalt. Kontakte überwachen oder verbieten, von anderen isolieren, Kontrolle der Telefongespräche und SMSs.
  • Ökonomische Gewalt. Verbot oder Zwang zu arbeiten, Geld wegnehmen oder verweigern, Zugriff auf Konto verweigern, Ausgaben kontrollieren.
  • Sexualisierte Gewalt. Zu sexuellen Handlungen nötigen, als Sexobjetk behandeln, Zwang zum Ansehen von Pornos.
Welche Auswirkungen hat das Miterleben von häuslicher Gewalt auf Kinder? 2016-10-18T06:53:05+00:00

Häusliche Gewalt kann bei Kindern zu Entwicklungsstörungen und spezifischen Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit führen. Die erlebten Ereignisse sind für die Kinder einschneidend. Sie werden von Angstgefühlen überflutet, sorgen sich um sich, um ihre Geschwister, um den einen Elternteil und fürchten sich vor dem anderen Elternteil. So kann es zu Symptomen wie Schlaflosigkeit, einnässen und einkoten, Essstörungen, gehäuften Krankheiten, Sprechstörungen, Rückzug, Verhaltensstörungen wie aggressives oder depressives Verhalten, Schulproblemen bis hin zu suizidalen Gedanken und Handlungen kommen (Vlg.Brunner, 2008).

Je nach Entwicklungsstand des Kindes hat das Miterleben von häuslicher Gewalt unterschiedliche Auswirkungen auf das Kind. Kinder im Vorschulalter erleben Gewalt als existenzielle Bedrohung, sie sind extremen Ängsten ausgesetzt und zwischen Allmachts- und Ohnmachtsgefühlen hin und her gerissen. Im Primarschulalter kommen dann noch Schuldgefühle dazu. Sie denken, dass ihr Verhalten die Gewalt ausgelöst hat. Sie stellen sich viele Fragen über Recht und Unrecht, aber auch die Loyalität beschäftigt sie mehr. Schliesslich verschärft sich das Ganze im Jugendalter. Sie sind hin und hergerissen zwischen Ablösungswünschen und Verantwortungsgefühl gegenüber den Eltern (Vlg.Brunner, 2008).

In Familien mit massiven oder anhaltendenden Erlebnissen von häuslicher Gewalt kann es zudem zu Schwierigkeiten in der Eltern-Kind-Beziehung und der Erziehungstätigkeit der Eltern kommen. Kinder in gewaltbetroffenen Familien erkennen in ihren Eltern kaum noch als positive Vorbilder an. Sie lernen dass Gewalt ein Mittel zum Umgang mit Konflikten ist. Zudem wird der Aufbau von moralischen Werten wie Respekt, Wertschätzung und die Entwicklung einer gesunden Identität erschwert (Vlg.Brunner, 2008).

Kinder und Jugendliche verfügen in jedem Alter auch über starke Anpassungsfähigkeiten und so entwickeln sie individuelle Strategien wie z.B. sich vermehrt mit Gleichaltrigen zu verbünden oder mit den Geschwistern, sie holen sich Unterstützung bei Drittpersonen, erfinden Helden oder innere Fantasiewelten, die ihnen helfen usw. Sie entwickeln aber auch die Fähigkeit über Dinge nachzudenken und können schon im Kindergarten Geschehnisse reflektieren (Vlg.Brunner, 2008).

Gut 35-45% der Kinder, die häuslicher Gewalt miterleben, entwickeln klinische Auffälligkeiten. Das heisst aber auch, dass ein Grossteil von Kindern, die unter diesen Umständen aufwachsen, gewisse Resilienzen entwickeln (Vlg. Seith, 2006)