Ich wartete oft längere Zeit im Treppenhaus. Wir hatten abgemacht, Regina und ich. Wir wollten spielen, raus an die Sonne, losziehen und schauen, ob Dora zuhause ist. Viele Treppenhäuser riechen wie jenes, in welchem ich auf sie wartete – heute noch riechen sie so, nach Jahrzehnten und immer denke ich bei diesem Geruch an sie, Regina, von der ich nicht weiss, wo sie lebt.

Manchmal hörte ich es poltern, weinen, schreien. Die Treppe war kühl, meine Oberschenkel klebten im Sommer auf ihr fest. Der Vater laut, die Mutter leise und Regina, die die Tür einen Spalt aufmachte und sagte: ich komme gleich. Ich suchte im Muster der grauweissen Platten der Treppe nach Wiederholungen.

Mein Bauchgefühl war schlecht. Ich wusste: Das was hier passiert, ist schlimm. Reginas Mutter war sehr lieb. Sie entschuldigte sich jeweils bei mir. Sie gab uns feine z’Vieris. Sie sah krank aus, ganz hager. Wir nahmen jeweils Susi, die kleine Schwester, gleich mit raus an die Sonne.

Jetzt sitze ich da, an der Fortbildung Kindermittendrin – im Schatten häuslicher Gewalt. Ich bin die Chefin der beiden Referentinnen, Nicole Häuptli und Stefanie Geiser. Als sie beginnen und sagen, dass die meisten Menschen jemanden kennen, der von häuslicher Gewalt betroffen ist, denke ich sofort an Regina. Die Veranstaltung ist sehr interessant. Die Teilnehmenden aktiv. Auch sie kennen viele Geschichten. Ihre Geschichten sind aktuell. Sie sind Fachpersonen aus Kitas, Tagesfamilien, Spielgruppen, Familienzentren. Für mich ist ein Satz zentral

Als Team über die Bauchgefühle reden. Schauen, wie damit umzugehen ist, damit auf Kinder, die von häuslicher Gewalt mitbetroffen sind, reagiert werden kann. Sie brauchen Unterstützung. Gewalt miterleben fühlt sich so an, als würde sie einem direkt zugefügt.

Es gibt viele Wege, wie kleine Kinder unterstützt werden können, bevor die KESB eingeschaltet werden muss. Man muss den Kindern helfen, eine Sprache oder Zeichen für das Ungeheuerliche zu finden. Die tut man mit Empathie, helfen Bilder zu finden, zum Beispiel mit Bilderbüchern, Spielen, Karten und geeigneter Gesprächstechnik.

Ich war die Freundin von Regina. Ob wir je über ihre Familiensituation geredet haben, weiss ich nicht mehr. Ich habe gewartet und dann haben wir gespielt, mit Susi im Schlepptau – manchmal jedenfalls. Dann, viel später, haben wir den Kontakt verloren. Wie das so ist, wenn man erwachsen wird. Aber, ich denke oft an sie und ich weiss immer, wann ihr Geburtstag ist: der 4. Januar.

Marianne Steiner, Stellenleiterin Suchtprävention Aargau